und bewunderte deutsche Moral infolge der Kriegswirren
seinen größzten Tiefstand erreichte, daß gerade infolge des
Nichternstnehmens der Krankhaftigkeiten eines zwiefach
gezeichneten Autokraten die vorweltkriegliche Kultur zu⸗
sammenstürzte, daß jeder Erbfolge-Monarchismus die
Moglichkeit solcher Verhängnisse immerfort in sich schließt,
das soll belanglos sein?
Soziologisch gesehen, liegt in solchen Urteilsbildungen
nur eine Zwangserscheinung vor. Die Einzelmenschen,
die als Monarchisten scheinbar so wenig darin finden, daß
durch den entfesselten plutokratischen Imperialis mus
ganze Städte sich in Schutthaufen verwandelten, fleißige
Bevölkerungen zu Bettlerhaufen wurden, daß ganz
Europa länger als vier jammervolle Jahre in Menschenblut
watete, sind keineswegs so grausam, wie sie sich
geben. Dieselben Menschen, die ihre Wohnstätten be—
wimpeln, wenn sie in der Morgenzeitung lasen, daß ein
Schützengraben mit zweitausend Menschensöhnen sieg⸗
reich in die Luft gesprengt wurde, dieselben Leute könnten,
sagt Or. Theodor Lessing, nicht mit eigenen Augen das
Leiden einer Katze sehen, wenn ihr ein Knochen im Halse
tecken blieb. Darum sagt Jonathan Swift: „Ich glaube,
daß in der ganzen Natur nicht leicht an zwei Oingen ein
größerer Unterschied sich dartun wird, als zwischen dem re⸗
präsentativen Mitglied einer Gruppe seiner öffentlichen
Funktion und derselben Person stattfindet, wenn sie ihren
gewöhnlichen Lebensversicherungen nachgeht. Sobald
der Mensch sich den Mauern eines Versammlungshauses
*) Or. CTheodor Lessing: Geschichte als Sinngebung des Sinn⸗
osen. Verlag O. 5. Beck⸗München 1919.
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