Full text : Wilhelm II. als Krüppel und Psychopath

Er konnte starke Worte gegen Rückständigkeit und Ver⸗
tnöcherung finden.
Er konnte veralteten Methoden schärfste Fehde an—
sagen.
So schrieb er schon als junger Prinz an seinen Freund
Richter, der die Weiterentwicklung der Pädagogik an—
strebte: „Endlich hat sich doch mal einer gefunden, der
energisch gegen das verknöchertste aller Systeme vorgeht,
das aufs beste geeignet ist, den Geist zu töten. Ihre Ausführungen
 unterschreibe ich Wort für Wort. Glücklicherweise
 habe ich mich durch zweieinhalbes Jahr hindurch
von der Schädigung überzeugen können, die man unserer
Jugend beibringt. Weinen könnte man darüber. Die
griechischen oder lateinischen Aufsätze (ein hirnverbrannter
Unsinn), wieviel Mühe haben sie nicht gekostet. Und was
für Leistungen kamen zustande! Hätte Horaz sie gelesen,
er hätte, glaube ich, vor Entsetzen den Geist aufgegeben!
Von dieser Oummheit befreie man uns! Einem solchen
Unterricht Krieg bis aufs Messer!“
Das war entwicklungssittlich gedacht.
Das Leben will nicht in Sackgassen versanden, es will
auch in der Erziehung nicht in veralteten Formen stocken.
Es will Fortbewegung, Emporsteigerung, stetig feinere
und reifere Durchgliederung.
Der Hohenzoller ist von diesen Erkenntnissen oft ganz
erfüllt. Er wünscht in solchen glücklichen Augenblicken,
daß das, was wir stolz als „Überkommenes ehren“, nicht
toter Besitz“ sei. „Oer Wissenschaft gilt es den Zauberbann
zu lösen, Ererbtes neu zu erwerben, alles Lebendige in
lebensvoller Durchdringung zu erfassen und auf sicherem

v
—Z—