Full text : Wilhelm II. als Krüppel und Psychopath

Sewissen, Vaterlandsliebe auch nur für eine Weile ver—
loren ging.
Er wollte immer das Gute, und seine Andachtspflege
hielt der Gottheit, so wie er sie sich dachte, immer bewußt
und redlich Treue.
Sein Psychopathentum lag mehr darin begründet,
daß ihm die inneren Schließvorrichtungen gegenüber dem
Vorstellungszustrom in exaltierten Momenten fehlte, als
darin, daß er ganz aus dem Grundtone seines Bewußt⸗
eins trat.
Ein achtungsgebietender starker Zug sittlichen Ernstes
zreift ganz entschieden durch alle Phasen seines Lebens.
Er unterlag oft dem Drange seiner Affekte, verlor die
Übersicht über die politischen Zusammenhänge gerade in
schweren Krisen, täuschte sich dabei krüppelhaft eine Stärke
des Willens vor, über die er nicht verfügte. Er war da
sprunghaft, wo strenges Festhalten an einem Thema ge—
boten war, er litt an Betonungssucht, wo Mäßigung
dringlichst gefordert wurde.
Quãlende Seeleninhalte, lebhafte Vorstellungen suchte
er durch Gewaltsakte oft nur zu jäh zur Abwirkung zu
bringen.
Darstellende Tätigkeit, Hinausstellung innerer Span⸗
nungen in Worte, Gesten, waren ihm zu sehr Bedürfnis,
zu fühlbar eine Erleichterung, als daß er ihnen nicht auch
zu ganz ungelegener Zeit verfiel. Das ergab zuletzt Hand⸗
lungen, die als wahnwitzig empfunden werden mußten ⸗
Aber all die Exzesse begründen doch kein Jrrentum
m streng ärztlichen Sinne des Wortes.
Ganz verfehlt sind solche Schlußfolgerungen, wie sie

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