Full text : Wilhelm II. als Krüppel und Psychopath

sucht seine Angst durch straffe Haltung zu verdecken, aber
ist froh, wenn er den Entscheidungskampf im letzten
Moment noch vermeiden kann.
Es wäre eine Tat hochsinnigster Freundschaft gewesen,
wenn man den Kaiser auf diesen inneren Mechanismus,
der ihn fortgesetzt zerrieb, ehrlich aufmerksam gemacht
hãätte.
Jeder von uns trägt eine unlösbare Spannung in
sich. Darin besteht ja das Leben. Ruhsucht und Be—
tätigungsdrang ringen immerfort in uns allen. Jeder
gerät darum leicht in irgendeine innere Zwangsläufigkeit,
 die ihm zum Anheil ausschlagen kann. Macht man
uns auf rechte Art auf solche inneren Automatis men auf⸗
merksam, sind wunderbare Rettungen möglich.
Wie man Bedrohte zur Selbsterlösung und Selbstheilung
 in diesem Sinne taktvoll anregen kann, dafür
gibt es tröstliche Beispiele.
Ein alldeutscher Politiker kam zum befreundeten,
einems eelenkundlichen Arzte und klagte ihm seine Nervosi⸗
tät. Der Arzt sah ihm nur in die Augen. Dann sagte er:
Sie treiben zu viel Ohnmachtsgedanken! Sie halten
Deutschland für verloren und leiden darunter maßlon.
Das ehrt Sie. Aber Ihr vaterländischer Sinn zwingt
ZIhnen auf diese Weise die Vorstellung eines nicht weg—
zuschaffenden Verhängnisses, ein Zwangsleid auf. Davon
suchen Sie sich durch Betäubungsarbeit, durch verzwe⸗
felte Übergeschäftigkeit zu befreien. Aber so geraten Sie
zwischen zwei Mühlsteine. Zwangsleid und Betäubungsarbeit
 sind Spannung und Gegenspannung. Sie richten
sich durch diesen Zwiespalt einfach zugrunde. So geht das

2
21