Full text : Wilhelm II. als Krüppel und Psychopath

Zu allernächst mũüßte man den Gebrechlichen zu echter,
nicht stimmungshaft flüchtiger Selbsterkenntnis hinleiten.
Der Krüppel kann seine Verdrängungsqualen nicht
uberwinden, wenn er sich nicht entschlossen mit seinem
körperlichen Mängeln abfindet. Es nützt nichts, wenn
diese Uberwindung nur theoretisch, nur grundsätzlich, nur
gesinnungsmäßig sich vollzieht. Dann belegt sich das
Unterbewußtsein doch immerfort heimlich mit negativen
Spannungen, die unwillkürlich zum Argwohn, zur Angst
vor der Beobachtung, zum Neid gegen die Anentstellten
und Nichtgehemmten drängen.
Wird nicht der ganze Mensch von dem Willen zur sach⸗
lichen Stellungnahme zum eigenen Wesen gepackt, dringt
der sittliche Entschlußß, das eigene Können unter den ge⸗
gebenen Bedingungen, sich anders zu entwickeln, nicht in
die Lebenstiefen, dann wird die Seele doch immer wieder
ganz unvermutet von seelischen Krüppelschwächen überrumpelt.
 Hier gilt nur: „Alles oder nichts
Byron erreicht zum ersten Male die wahre Tiefe der
Selbstentschlackung vom Krüppeldämonentum im „Man⸗
fred“.
Er versenkt sich in diesem ganz eigenartigen Orama in
alle Abgründe seiner Schuld. Er wühlt hier geradezu in
düsteren Selbstanklagen. ODoch so entdeckt er auch die
Selbstgesetzlichkeit seines Geistes. Er gewahrt, wie sehr
er Selbstschöpfer des Welterlebens ist, das ihn martert.
So bekennt er in seinem „Manfred“:
„Oer Geist, der ewig ist, vergilt sich selbst
Das Gute wie das Böse, das er dachte;
Er ist sich selbst des Übels Quell und Ende,

—