Full text : Wilhelm II. als Krüppel und Psychopath

Welche Hoffnungen regten sich unter den denkenden
Pflegern des Andachtslebens im deutschen Volke, als der
Kaiser die Vorlesungen des Professors Delitzsch begeistert
besuchte und in seinem Briefe an den Admiral Hollmann
„die Weiterbildung der Religion“ zur Forderung erhob!
Wie nahe lag nun der Glaube an eine Wendung zur
Vollentfaltung aller Kräfte des deutschen Idealismus,
zu einer ganz neu durchseelten, vergeistigten Offentlichkeit!
 Man dachte unwillkürlich an Bilder, wie sie der Weisheitslehrer
 dem Cäsar Julian entrollte: „Dort im offenen
Lehrsaale ist das Feld; Licht und Freude ruht über dem
Streit und über den Streitenden. Die Wortpfeile
schwirren; das scharfe Schwert des Verstandes blitzt in der
Schlacht“ ...
Doch der Hohenzoller stieß auf das zähe Widerstreben
der mechanisierten Tradition. Er bringt nicht den Mut
auf, der Idee der Entwicklung Treue zu wahren. Im
Gegenteil, er beschert dem durch ihn selbst zu großen
Erwartungen entflammten Volke eine neue Inquisition,
das reaktionäre Spruchgericht, dem Pfarrer Jatho und
Traub zum Opfer fielen. So verpuffen die in Spannung
gesetzten Kräfte!
Immer schwebt er dennoch wie Julian zwischen
Himmel und Meer. „Eine schwindelnde Höhe und eine
bodenlose Tiefe ... Welcher Sinn liegt in diesen Stim—
men, die mir pon Ost und West zurufen, ich solle die
Thristenheit erlösen!“ ... sagt Julian.
Auch der Hohenzoller glaubt, daß Monarchen der
Soltheit naher stehen ... Er fühlt Eingebungen von oben.
In diesem krausen Gedankengang wurde er durch die

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