Sie bauten beide in sich eine Traumwelt auf und
suchten ihrer Gemütsromantik in prunkenden Bauten,
rauschenden Festlichkeiten, gewichtigen Worten Ausdruck
zu geben.
Sie waren beide immer mehr Dichter als Rechner,
mehr Idealisten als Forscher, mehr Mystiker als Welt—
beobachter.
Jedoch schaltete sich der bayrische Psychopath durch
seine Träumernatur selber immer mehr aus der politi—
schen Offentlichkeit aus.
Der Armkrüppel Wilhelm II. dagegen drängte sich
trotz seiner Sehnsucht nach mittelalterlichen Zuständen
immerfort wieder in das praktische Leben. Er hatte nicht
genügend Verstand, um sein Kaiseramt folgerichtig bis zu
Ende durchzuführen, aber immerhin war er doch ver—
standesstärker als der Erbauer des Lindenhofes, des Neu⸗
schwansteins und des Prunkgebãudes von Herrenchiemsee.
Professor Friedländer hat nicht ganz Unrecht, wenn
er in seiner politisch-psychologischen Untersuchung)
meint, daß der Hohenzoller bewußt gütig, menschen⸗
freundlich, auf das Volkswohl bedacht war, unterbewußt
aber „schroff, kalt, hypochondrisch“.
Krüppel neigen infolge ihres Argwohns und Miß
trauens zu innerlicher Kälte und Härte.
Diesem Zuge entspricht es durchaus, daß Wilhelm II.
sich schwer in das Wort finden konnte: ‚Vergib uns unsere
Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigeren.“
) Professor Friedländer: Wilhelm TT. Eine politisch⸗psycho·
logische Studie. Verlag: Carl Marhold, Halle a. S.