Full text : Wilhelm II. als Krüppel und Psychopath

die Alldeutschen für sich in Anspruch nehmen, der Sittlich⸗
keit zur Grundlage dienen.
Durch den steten Zickzackkurs unserer wilhelminischen
Politik, durch das ewige Schwanken unserer Pouitit
zwischen Erregung und verstandeshaft toter Sachlich⸗
keit, zwischen einseitiger Herzensseher⸗Begeisterung und
ebenso einseitiger kalter Herrenmenschenart, wurde das
feinere Gesittungsleben arg verwüstet. Es fehlte die Ver⸗
nunft, die gemütswarmes Verständnis und nüchternen
Verstand überwaltet.
Das Stimmungsleben des Volkes und der völlig un⸗
romantische Zerstörungstrieb der militärischen Technik
zerspalteten die Seelen. Sie verloren die Fassung, das
Gleichgewicht, sie konnten sich gegen die Tiefenmächte, die
aus dem Schlamm der wirtschaftlichen Zerrüttungen mit⸗
emporstiegen, nicht fest behaupten.
Das jähe Herausreißen der großen Massen aus ihren
Berufsgewohnheiten lockerte das Gefüge ihrer Moral,
die heeresdienstlichen Notwendigkeiten strafften die Ge—
müter zu jäh und schroff zusammen, es fehlte die Ver—
mittlung. Sie mußte fehlen, sie konnte gar nicht ernsthaft
gefordert werden.
Aber nun wurde das Willensleben im Laufe der
langen unerbittlichen Kriegsjahre notwendig brüchig. Die
gesunde, sittliche Elastizität, die ohne Ruhe und Aus—
geglichenheit sich nicht erneuert, fehlte. Selbst Luden⸗
dorffs Nerven brachen zuletzt zusammen.
So entstand ein öffentliches Bewußtsein voller Locker⸗
heit auf der einen, voll fanatischen nationalen oder kom—
munistischen Radikalismus auf der andern Seite.

J
L

4