Während andere Gebiete der Sozialhygiene noch um die letzte Fassung ringen,
hat die deutsche Krüppelfürsorge in 90jähriger Arbeit eine endgültige Form und
den Abschluß ihrer äußeren Entwicklung durch das preußische Krüppelfürsorge—
gesetz und seine Ausführungsbestimmungen gefunden. Natürlich geht der innere
Ausbau des nunmehr unter Dach und Fach gekommenen Hauses unaufhaltsam
weiter und ist doppelt notwendig bei einer Fürsorgearbeit, die so verwickelt ist
und an der so viele Helfer mitwirken: Arzte, Geistliche aller Bekenntnisse, Lehrer,
Logen, Verbände und Vereine jeder Richtung, staatliche und Gemeindebehörden.
Aber so verschiedenartig im einzelnen die Arbeit sein mag, so haben sich doch,
namentlich seitdem die Deutsche Vereinigung, das Einigende immer wieder
betonend, alle Fürsorgeeinrichtungen zusammengeschlossen hat, im Laufe der
Zeiten bestimmte Grundsätze und Richtlinien herausgebildet, die allen Heimen
zemeinsam sind, und ohne die niemand mehr in Deutschland Krüppelfürsorge
treibt oder treiben sollte. Diese grundsätzlichen Leitmotive, die jedermann für
Abwandlung seiner eigenen Melodie weitesten Spielraum lassen, habe ich mich
bei Abfassung des Textes besonders hervorzuheben bemüht und habe darum alle
persönlichen Anschauungen zugunsten der allgemeingültigen unterdrückt. Schließ—
lich habe ich aber noch die Korrekturbogen mit Bildern und Legenden an sämt—
liche Vorstandsmitglieder der auf dem Titel genannten Gesellschaften geschickt,
in deren Auftrage die zweite Auflage des Leitfadens geschrieben wurde; und zu
meiner größten Freude hat nicht einer irgendwelche Einwände erhoben, ja manche
haben mit den wärmsten Worten zugestimmt. Somit darf das Büchlein für sich
in Anspruch nehmen, daß es im wesentlichen und soweit eine so tappe Darstellung
überhaupt eine fließende Entwicklung zu umreißen vermag, die Erfahrungen der
überwiegenden Mehrzahl aller Fachleute der Krüppelfürsorge und die Auffassung
der drei Gesellschaften wiedergibt. Wenn ich diese Tatsache so stark unterstreiche,
so geschieht es aus dem lebhaften Wunsche heraus, daß die bisherige organische
Entwicklung nicht von den Laien unterbrochen werden möge, die durch das Gesetz
zur Mitarbeit berufen werden und von denen manch einer vielleicht glaubt, daß es
noch keine Erfahrung gibt, sondern daß er solche von einer ganz neuen Seite her erst
erwerben müsse. Derartige Bemühungen werden stets zum Nachteile der Krüppel
and der öffentlichen Gelder ausschlagen, um schließlich doch in die Bahn der geschicht—
lichen Entwicklung zu münden. Wer deshalb als Neuling unser Arbeitsgebiet betritt,
jalte sich an das, was in unsäglich mühevoller Arbeit als gemeinsamer Besitz
errungen wurde und insbesondere an den obersten Grundsatz von der Einheit—
iichkeit des Begriffes und der Ausführung der Krüppelfürsorge, wie die nach—
stehenden Blätter es schildern.
Neben dem Text laufen als selbständiges Ganzes die Bilder einher, die mit
ihren Legenden die Darstellung nicht nur erläutern, sondern ergänzen. Sie stammen,
wo es nicht ausdrücklich angegeben ist, aus dem Oscar Helene-Heim und sind zu
einem großen Teil der ersten Auflage und früheren Veröffentlichungen entnommen,
schon um den Beweis zu erbringen, daß die Krüppelfürsorge seit langem ihren Weg
gefunden hat und sich aus dem gleichen und einheitlichen Geiste weiter entwickelt.
Wenn das Büchlein zu einem für heutige Verhältnisse erstaunlich niedrigen
Preise abgegeben werden kann, so war dieses nur möglich, weil der Verlag dem