Full text : Grundriß der Krüppelfürsorge

Die Feststellung des Bedürfnisses, d. h. der vorhandenen Zahl an Krüppeln,
geschieht am besten schätzungsweise auf Grund der im Jahre 1906 unter Mit“
wirkung der Bundesregierungen veranstalteten Zählung jugendlicher Krüppel,
deren wichtigste Zahlen in Tabelle J zusammengestellt sind, die zugleich auch die
heute vorhandenen Fürsorgeeinrichtungen enthält.
Diese Ziffern sind Mindestzahlen, weil schon 1906 wegen technischer Mängel
in dem Ermittlungsverfahren und fehlender Aufklärung nicht alle Krüppel erfaßt
sind, und weil durch die Kriegswirkungen die Zahl der Krüppel, insbesondere die
der knochentuberkulösen und rachitischen, gestiegen ist. Trotzdem werden die Zahlen
oon 1906 hier mitgeteilt, weil es bessere und neuere nicht gibt und die Unter—
suchungen der Landeskrüppelärzte in den öffentlichen Terminen gezeigt haben,
daß sie auch heute noch für überschlägige Berechnungen durchaus brauchbar sind.
Für das Jahr 1927 ist das Ergebnis einer neuen Gebrechlichen—
zählung Deutschlands zu erwarten. Auf dem Fragebogen der Personenstands—
aufnahme 1925 war eine Frage vorhanden, ob der Betreffende ein Krüppel sei.
Wo dies bejaht wurde, sollen Fürsorgerinnen Näheres feststellen und 1926 auf
Grund eines besonderen Fragebogens beantworten.
Es waren in Deutschland 1906 unter je 10000 Menschen mindestens 15 Krüppel⸗
kinder, von denen mehr als 8 in ein Heim gehörten; 12 von ihnen bedurften ärzt⸗
licher Hilfe. Unter 10000 Kindern gab es 36 Krüppel. Am schlechtesten war das
Königreich Sachsen dran. Im allgemeinen produzieren Großstädte und Industrie⸗
bezirke mehr Krüppel, als das flache Land mit ackerbautreibender Bevölkerung.
Dem Bekenntnis nach waren 68,10/, evangelisch, 300/0 katholisch, 0,40/0 jüdisch,
l,80/0 anderer Religion oder ohne Angabe der Konfession. Diese Zahlen sind
nicht unwichtig, weil die Krüppelfürsorge zu einem großen Teil mit dem Kultus
zusammenhängt.
Kein Lebensalter ist vom Krüppeltum verschont; schon unter den Säuglingen
gab es 457 Krüppel. Dann steigt die Kurve steil an bis zum 12. Lebensjahr, um
bis zum 15. zur Hälfte wieder abzufallen.

Abb. 11. Das evangelische Krüppelheim der Pfeifferschen Anstalten zu Cracau b. Magdeburg.