Full text : Grundriß der Krüppelfürsorge

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dem Lehrling den Lehrvertrag. Die Meister sind ausreichend besoldet; jede andere
Tätigkeit ist ihnen verboten. Da der Lehrling nicht zu Botengängen, die nicht zu
seinem Handwerke gehören, gebraucht wird, sondern jede Minute für seine Aus—
bildung verwerten kann, da der Meister durch Geschäftsinteressen, Besuche von
Kundschaft und dgl., auch durch seine eigene Familie nicht abgelenkt und in Anspruch
genommen wird, und da er nicht auf Verdienst zu arbeiten braucht, sondern festes
Gehalt hat, so kann er seine volle Zeit und Kraft ausschließlich auf die Unter—
weisung seiner Lehrlinge verwenden. So kommt es, daß es in einem Krüppel—
heim gelingt, körperlich sehr Schwache, man kann sagen verzweifelte Fälle, zur
bvollen oder nahezu vollen Erwerbsfähigkeit zu bringen, jedenfalls zu Resultaten,
welche die freie, außerhalb einer Anstalt befindliche Lehre, selbst beim besten Willen
des Meisters, nicht zu erreichen vermag.
Die Annahme, daß Krüppel am besten durch solche Meister ausgebildet werden,
die selber Krüppel sind, trifft nicht zu oder doch nur dann, wenn der Meister
nur ein geringfügiges Gebrechen hat, das ihn wenig behindert. Da der Lehrling
das ganze Fach beherrschen lernen muß, braucht er einen Meister, der körperlich
genügend kräftig und gesund ist, um ihm alles, was in seinem Berufe vorkommt,
vormachen zu können, denn der spätere Geselle soll ja in die Welt der Gesunden
eingeführt werden und sich in ihr behaupten.
Der Zwang zu arbeiten ist nicht nur eine ganz außerordentlich wertvolle
Schulung der Energie und des Geistes, sondern auch die allerbeste ärztliche Be—
handlung, welche sich überhaupt ausdenken läßt. Wenn ein Knabe mit Krampf—
lähmung Schere und Nadel führen soll, so
macht ihm das in der ersten Zeit viel Be—
ichwerden und kostet manche Träne. Aber
wenn man unermüdlich bleibt und er selber
sieht, wie ein Leidensgenosse langsam die
Schwierigkeiten überwindet, so schafft er es
schließlich auch, und der erste kleine Erfolg,
das erste Lob bringt ihm das Selbst—
vertrauen, durch welches er nunmehr mit
immer schnelleren Schritten vorwärts kommt.
Keine Massage, keine Elektrizität ersetzt die
in unausgesetzter Arbeit bestehende Kräf—
tigung der Muskeln und Ausschleifung der
Nervenbahnen.
Auch die Eltern wohlhabenderer Krüppel
sollten sich diese Behandlungsmethode, wie
manche andere Einrichtung des Krüppelheims,
zunutze machen und ihre Kinder ein Handwerk
lernen lassen. Wenn sie es auch nicht zum
Erwerb gebrauchen, so schafft es doch aus
hnen ganz andere Persönlichkeiten und
zewährt ihnen Lebensfreuden, die auch der
größte Luxus nicht zu spenden vermag. Die

Abb. 107. Mädchen mit angeborener Ampu—
tation des rechten Unterarmes beim Häkeln.
Die Nadel ist unter den Armel geschoben
and wird von dem Stumpf wie von einer
Hand regiert.