24
Der VI. Deutsche Kongreß für Krüppelfürsorge hat dazu in den Referaten von
Schlee, Piorkowski und Arends und in seiner lebhaften Aussprache wertvolle
Beiträge geliefert. Die Berufsberatung wird wissenschaftlich begründet durch
die Berufsphysiologie, welche die körperliche Eignung, namentlich auch des
weiblichen Körpers, untersucht und die Berufspsychologie, die die verschiedenen
Berufe hinsichtlich ihrer seelischen Anforderungen zerlegt und Methoden ausarbeitet,
mittels derer man das Vorhandensein oder Fehlen bestimmter Eigenschaften beim
einzelnen Individuum erkennen kann. Da es 1500 verschiedene Berufe und Berufs—
arten gibt (Christians), so sind diese Prüfungen, die zum Teil schon in der Schule
vorgenommen werden und von einzelnen Betrieben (Eisenbahndienst, Flugwesen,
Feinmechanik) zu großer Vollkommenheit entwickelt worden sind, nicht leicht. Sie
werden durch Aufnahme der Vorgeschichte des zu Untersuchenden, durch Prü—
fungen seiner Sinne CTastgefühl, Sicherheit der Hand, Augenmaß), durch Höhe
und Richtung der Intelligenz und Nervenkraft (Geistesgegenwart, Urteils—
fähigkeit, Gedächtnis) zum Teil unter Zuhilfenahme sinnreich erdachter Apparate
durchgeführt, und es ist leichter, das Fehlen als das Vorhandensein bestimmter
Eigenschaften nachzuweisen.
In den Krüppelheimen sind solche wissenschaftlich methodischen Eignungs—
prüfungen bisher nur an wenigen Stellen im Gebrauch und auch da nur im Anfang
ihrer Entwicklung. Sie müssen aber unzweifelhaft aufgenommen und ausgebaut
werden; denn der Grundsatz, daß die Krüppel nur Handwerke erlernen, ist nicht
mehr aufrecht zu erhalten.
In einem Heim entscheidet gewöhnlich der Leiter auf Grund seiner jahre—
langen täglichen Beobachtungen bei dem Kinde oder läßt Versuche in den einzelnen
Handwerksstuben anstellen. Es sollte zum Grundsatz werden, daß am Schluß jedes
Schuljahres wenigstens Protokolle über die gemachten Beobachtungen aufgenommen
werden, an denen Arzt, Lehrer und Handwerksmeister gleichzeitig zu beteiligen sind.
Abb. 98. Orthopädische Werkstatt
zur Anfertigung von orthopädischen Apparaten, Korsetts und künstlichen Gliedern.
Biesalski, Grundriß der Krüppelfürsorge.