Full text : Grundriß der Krüppelfürsorge

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soviele Millionen durch die Arbeit der erwerbsfähig gemachten Krüppel neu
hinzuverdient werden. Diejenigen, welche den Hauptvorteil davon haben,
sind die Armenverwaltungen jeder Kategorie, deshalb können sie in die Krüppel—
fürsorge und in die vorbeugende Aufklärungsarbeit jede beliebige Summe hinein—
stecken; sie werden immer eine glänzende Verzinsung dieses Anlagekapitals erfahren,
wenn auch erst im Laufe der Jahre.
Auf seinen Beruf wird der Krüppel schon vorbereitet während der Schulzeit
durch den Unterricht nach arbeitsunterrichtlichen Grundsätzen, dann durch die
Werkstattlehre und vor allem durch eine Einrichtung, die ihm außerhalb eines
Krüppelheims nicht geboten werden kann, nämlich eine Art vorbereitender Lehr—
lingszeit. Wenn z. B. ein Kind eine mäßige Krampflähmung der linken Hand
hat und sich im übrigen für Schneiderei eignet, so kann es schon während der beiden
letzten Jahre seines Schulbesuches täglich auf einige Stunden die Schneiderstube
besuchen und dort die ersten Anfangsgründe der Technik des Nähens lernen, die
ein gesunder Junge vielleicht in wenigen Monaten sich anzueignen vermag, für die
ein gelähmtes Kind aber jahrelang braucht. Wird dieser Knabe dann eingesegnet,
so beginnt er seine Lehrzeit nahezu mit denselben körperlichen Fähigkeiten, wie
sein gesunder Altersgenosse. Im Anschluß hieran kann durch ein Beispiel gezeigt
werden, welche Leistungen gute Krüppelfürsorge aufzuweisen vermag: Zwillings—
brüder sind gesund bis zum 5. Lebensjahr. Da wird der eine von schwerer Kinder—
lähmung betroffen, welche ihm beide Beine lähmt und einen Teil des rechten
Armes. Er kommt ins Krüppelheim, und während der gesunde Bruder die Schule
durchläuft und später das Schneiderhandwerk lernt, muß sich sein verkrüppelter
Bruder einer Reihe von Operationen unterziehen, jahrelang in Gipsverbänden,
Gehstühlen, Apparaten herumlaufen, mühselig die ersten Anfangsgründe des
Nähens erlernen, bis auch er ein Schneiderlehrling ist. Aber er hat im Krüppelheim
doch auch die vollen Freuden der Kindheit genossen, weil er sie ebenso wie der
gesunde unter gleichgearteten Gespielen verlebt hat. Durch alle diese Vorbereitungen

Abb. 96. Schuhmacherwerkstatt für Kinder mit gelähmten oder tuberkulös erkrankten Beinen und
gesunden Armen. An Stelle des Knieriemens tritt ein zum Fassen des Schuhes vorgesehener
Arbeitsständer (Gustav Rafflenbeul, Schwelm i. W.), wie ihn einer der Knaben gebraucht, und wie
er deutlich im Vordergrunde zu sehen ist.