253
1
7
Um die Kinder selbständig zu machen, käme noch ein Grundsatz in Frage, der
im Auslande vielfach schon angewandt wird, nämlich die Selbstverwaltung, die
das gemeinsame Leben der Kinder, aber auch z. B. die Schule und andere Ein—
cichtungen des Hauses den Bestimmungen und der Gerichtsbarkeit der Kinder selber
unterstellt.
In welcher Weise das Zusammenleben der Kinder in einem Heim sich ge—
staltet, hängt von dem Charakter der Anstalt ab. In den meisten Anstalten werden
die Geschlechter getrennt gehalten und die Trennung geht so weit, daß sie gesonderte
Gärten, Spielplätze und Turnhallen haben. In anderen herrscht das Prinzip der
gemeinsamen Erziehung der Geschlechter, das ja auch sonst in der Pädagogik an—
gewandt wird, besonders in Amerika strichweise verbreitet ist. Was sich auch dagegen
für die Normalschule sagen lassen mag, für eine Anstalt und namentlich ein Krüppel—
heim hat sie mancherlei Gutes. Das die heranreifenden Geschlechter zueinander—
ziehende Moment wird dann am ungefährlichsten, wenn am wenigsten darauf
aufmerksam gemacht wird. Nur die Erwachsenen schlafen in getrennten Sälen,
die Kinder bis zu etwa 10 Jahren schlafen gemeinsam, wie auch Geschwister das
tun. Die Mahlzeiten, die Spiele, der gesamte Unterricht in der Schule findet voll—
ständig ohne Sonderung der Geschlechter statt. Gewiß kann auch mal etwas passieren,
keinesfalls öfter und schlimmer, als bei der ängstlichen Sonderung der Geschlechter,
hei der bekanntlich auch die höchsten Mauern und verschlossensten Türen nicht alles
berhindern. Dafür haben aber die Kinder, die ja durch ihr Gebrechen so schon an
tausend Freuden verhindert und eingeengt sind, eine so volle Freiheit, als eben
möglich ist, und mit ihr steht ein letzter und nicht hoch genug einzuschätzender Gedanke
in Verbindung, welcher die Krüppelerziehung leiten sollte, nämlich der, daß man sie
nicht als Unglückliche anspricht, welche ihr Los mit Ergebung tragen müßten, sondern
daß man in ihnen so viel Frohsinn und Lebensfreudigkeit zu wecken versucht, als
ihr an sich trauriges Los möglich macht. Das Kind, das von Geburt an aus dem
Bett noch nicht herausgekommen ist, weiß gar nicht, was ihm fehlt, wenn seine
beiden Beine gelähmt sind. Sagt man ihm, daß der kleine Schaden schon wieder
gut werden wird, und daß es, wenn es erst durch ärztliche Kunst auf die Beine ge—
stellt ist, sich nach Herzenslust bewegen soll, weil es ja ebensogut laufen könne, wie
alle anderen in demselben Hause, so schenkt man ihm damit einen ganzen Himmel
voll Seligkeit. Besucher der Krüppelheime erwarten, dort Trauer, Grauen und
Jammer zu finden und sind meistens aufs höchste überrascht, wenn ihnen lärmender
Frohsinn, Lachen und all der Jubel der Jugend entgegenklingt, wie ihn auch die
gesunden Kinder nur haben. Das ist ein Vorteil der Anstalten, welchen die Häuslich—
keit keinem Kinde gewähren kann, auch nicht die des reichsten Mannes, ja diese viel—
leicht am wenigsten. Im Krüppelheim sitzt jeder im Glashause, und wer noch auf
einem Bein gehen kann, ist immer noch besser daran, wie die Vielen, die beide Beine
nicht bewegen können, und so ist es eine alltägliche Erfahrung, daß verschlossene und
bergrämte Kinder, auch aus den reichsten Familien, in einem Krüppelheim all—
mählich aufwachen und froh werden wie gesunde, weil sie sich hier nicht als aus—
gestoßen aus allem Glück vorkommen, sondern einer Genossenschaft angehören,
in welcher der Vergleich mit den anderen Leidensgenossen kein Gefühl des Neides
zu erwecken vermag.