Full text : Grundriß der Krüppelfürsorge

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tätig mitwirken. Die Befangenheit, Zurücksetzungs- und Benachteiligungsempfind—
lichkeit ist zu beseitigen durch Pflegen des Spielens in Gruppen, das dem
Krüppel nicht nur Unbefangenheit und unwillkürliche Anteilnahme, sondern auch
Lebensfrische, Kameradschaftlichkeit gibt und ihm das Wertvollste bringt, nämlich
daß er in der Freude und im Eifer körperliche Hemmungen zu überwinden lernt.
In der Normalschule soll die Schülerzahl einer Klasse 15 nicht überschreiten,
damit auf die Eigenart des einzelnen Rücksicht genommen werden kann. Dazu
ist nötig, daß der Lehrer nicht nur guten Willen und ein warmes Herz mitbringt,
sondern auch alle pädagogischen Mittel beherrscht, die sich aus der besonderen Eigen—
art der Krüppelschule ergeben. Wie ja denn auch das Gesetz besondere Vorbildung
des Krüppelpädagogen fordert; denn wenn auch der Geist bei den Krüppeln bildungs—
fähig ist, so ist das Wissen oft sehr ungleichmäßig, die körperliche Schwäche bedarf
der Berücksichtigung, und häufig spielt auch wenigstens vorübergehendes Nachlassen
der geistigen und Nervenkraft mit hinein. Jedes Kind, das ins Heim kommt,
bringt seine eigene kleine Leidensgeschichte mit, muß in besonderer Art oft
nicht nur äußerlich, sondern seelisch und sittlich entkrüppelt werden. Die
Gebrechlichen⸗-Erziehung muß vielfach gleichzeitig spornen und zügeln, an—
feuern und dämpfen. Sie muß sowohl Spannungen hervorrufen als auch
abstufen. Der Krüppelpädagoge und Krüppelpsychologe muß daher über eine
große Anpassungsfähigkeit und Umsicht verfügen. Jeder Fall liegt anders!
Durch die Sonderarten jeden Gebrechens, durch die verschiedenen Berufe,
Bildungsschichten und Schulverhältnisse, aus denen die Kinder kommen, wird
ein fortgehendes Individualisieren und Spezialisieren zur wesentlichen Pflicht.
In noch höherem Maße fordert die Hilfsschule Eingehen auf die Krüppel—
besonderheiten, so daß hier mehr Einzelunterricht als Klassenunterricht statt hat.
Schon die öffentlichen Hilfsschulen haben besondere Methoden. In der Krüppel—
hilfsschule müssen diese noch weiter ausgebildet werden. So werden hier die
sinnesphysiologischen Ubungen der Vorübungsschule fortgesetzt: besondere Be—
obachtungs- und Urteilsübungen, Vermittlung der Begriffsbildung durch be—
sonderes Anschauungsmaterial.
Die Vorübungsschule (Zwischenschule) umfaßt die Kinder zwischen 6 bis
Z Jahren (Schülerzahl 8 bis 10) und bildet den Übergang vom Spiel des Kinder—
gartens zum Klassenunterricht. Hie werden vorwiegend Sinnesübungen vor—
genommen, d. h. es wird bei jedem Kinde festgestellt, ob etwa das Auge oder
das Ohr an Schärfe überwiegt, und darauf wird die Art des Unterrichts eingestellt.
Der Kindergarten ist der Quellgrund und Mutterschoß der künftigen Erziehung.
Hier lernt das Kind „spielend“ und wird zur Freiwilligkeit des Arbeitens erzogen.
Im Kinderhort beschäftigen sich die Gemeinschaftsgruppen nach ihrer
Veranlagung.
Die orthopädische Handübungsklasse hat sich aus den eigenartigen Bedürf—
nissen der Krüppelschule entwickelt und berücksichtigt die Wechselwirkung zwischen
Seele und Körper in besonderer Weise. Zugleich kann sie zu Behandlungs—
zwecken benutzt werden und wird für diesen Teil der Arbeit gemeinsam vom
Arzt und Lehrer geleitet. Wenn man die Übungen gelähmter Hände bei jedem