Full text : Grundriß der Krüppelfürsorge

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Die meisten Krüppelleiden bedürfen zu ihrer ärztlichen Bewältigung einer
sehr langen Zeit, die nicht immer mit Behandlung ausgefüllt ist. Deshalb ist das
Vorhandensein einer Schule in einem Krüppelheim eine unbedingte Not—
wendigkeit, denn wenn ein Kind monatelang im Gipsverband liegt oder auch geht,
so kann es zwar die öffentliche Schule nicht besuchen, aber sehr wohl am Unterricht
in der Anstalt teilnehmen; oder wenn es selbst ans Bett gefesselt ist, kann es im Bett
oder im Fahrstuhl nach der Schule gebracht werden, denn es ist fieberfrei, hat keine
Schmerzen und das Bedürfnis nach geistiger Tätigkeit. Wo auch das nicht geht,
wird Bettunterricht im Krankensaal gegeben, wobei immer mehrere Kinder zu einer
Gruppe zusammengesetzt werden, ja manchmal ein ganzes Zimmer oder ein Balkon
voll Tuberkulöser.
So vermag die Krüppelschule ihre Zöglinge, wenn sie auch jahrelang be—
handelt werden und einer Operation nach der anderen sich unterziehen müssen,
doch so weit zu fördern, daß sie das Schulziel zur gleichen Zeit erreichen, wie ihre
gesunden Altersgenossen, ein Umstand, der nicht hoch genug eingeschätzt
werden kann gegenüber dem Gegenteil, wo Kinder z. B. mit tuberkulösen Knochen—
erkrankungen jahrelang in Krankenhäusern, Sanatorien oder auch zu Hause liegen
und hier entweder gar keinen Unterricht oder doch nur einen gelegentlichen, keines—
falls ausreichenden, erhalten.
Das Ziel der Krüppelschule ist das der Volksschule. Innerhalb der Krüppel—
schule sind die Erziehungs- und Unterrichtseinrichtungen nach der Reifestufe und
Begabungsart der Schüler zu gestalten. In Frage kommt eine mehrklassige Nor mal—
schule, eine mehrklassige Hilfsschule, eine Vorübungsschule, ein Kinder—
hort und ein Kindergarten; außerdem noch besondere Krüppelschularten: eine
orthopädische Handübungsklasse, eine Ohnhänder- und Linkshänder—
klasse, Bettunterricht.
Allen schulischen Einrichtungen ist es gemeinsam, daß der Unterricht sich auf
Arbeit und Erlebnis richtet. Von der Anschauung geht es zur Gestaltung, und der
Schüler muß bei der Verarbeitung und Verwertung des Unterrichtsstoffes selbst—

Abb. 92. Ausschnitt aus einer Hilfsklasse mit Veranschaulichungsmaterial für den Unterricht.