Full text : Zwanzig Jahre Krüppelfürsorge im Oscar-Helene-Heim für Heilung und Erziehung gebrechlicher Kinder

arzt der Provinz Brandenburg mit seinen Oberärzten alljährlich einmal jeden
Kreis der Provinz aufsucht und an dem hierbei einberufenen Krüppelsprechtage
helehrend wirkt. Der Erfolg ist heute schon deutlich sichtbar, die Masse des schweren
Krüppeltums hat in der Provinz sichtlich abgenommen, obwohl diese Aufklärungs—
tätigkeit erst wenige Jahre läuft, und unsere Aerzte sehen kaum noch veraltete
schwere Klumpfüße oder Lähmungskontrakturen. Dann aber liefert ja die Anstalt
für die ganze Aufklärungstätigkeit der Deutschen Vereinigung für Krüppelfürsorge
das gesamte Material und benutzt auch die Forschungen und Kurse zu gleichem
Zwecke. Kurz gefaßt lauten die Regeln für Vorbeugung folgender—
maßen:
Bei der Kinderlähmung muß durch symmetrische Lagerung die Zwangsbeuge—
stellung der Glieder verhindert werden, weil diese häufig, stärker als die Lähmung,
das eigentliche Krüppeltum ausmacht. — Alle angeborenen Verkrüppelungen sind
o früh als irgend möglich von einem Facharzt in Behandlung zu nehmen, der
Klumpfuß schon am ersten Lebenstage, die angeborene Hüftverrenkung im zweiten
Lebensjahre, der Schiefhals desgleichen. — Die englische Krankheit wird am
besten dadurch bekämpft, daß jeder Säugling eine Bestrahlung mit Höhensonne
durchmacht, wie er ja auch geimpft werden muß. — Die Skoliose ist so frühzeitig
als möglich in Behandlung zu nehmen, und das jetzt allerorten eingerichtete Schul—
hilfsturnen sowie die von einem Orthopäden geleiteten Sonderkurse bilden die beste
Vorbeugung. — Jeder Fall von Knochen- und Gelenktuberkulose ist so schnell als
möglich in eine für die Behandlung dieser Krankheiten spezialistisch eingerichtete
Anstalt zu bringen, weil dann in der kürzestmöglichen Zeit das höchstmögliche
Resultat erreicht wird und die Erwerbsfähigkeit des Betreffenden darum eine höhere
bleibt, weil von der Krankheit weniger zerstört werden kann.
Mit besonderer Liebe nehmen wir uns der Ohnhändigen an; meistens sind es
Kinder, die ihre beiden Arme verloren haben, fast immer durch Starkstrom, manch—
mal auch durch Ueberfahrenwerden. Aber wir haben auch gelegentlich Erwachsene
aus der Industrie. Sämtliche Ohnhänder, von denen wir bisher etwa d0 behandelt
haben, können voll erwerbsfähig gemacht werden, indem sie zunächst eine behelfs⸗
näßige Vorrichtung bekommen, mit der sie lernen, sich anzuziehen, selbst zu
ceinigen, zu essen und zu schreiben. Im Zusammenwirken mit der Schule folgt
dann der Unterricht in Stenographie, Schreibmaschine; es werden gelegentlich
operative Verbesserungen gemacht, insbesondere die Bildung einer Zange aus den
Unterarmknochen nach Krukenberg, und so kommen sie aus einem geradezu ver—
weifelten Zustande zur Lebensfreude und sozialen Unabhängigkeit.
Eine große Zahl von Assistenten ist durch unser Haus hindurchgegangen und
hat an den überaus reichen Ausbildungsmöglichkeiten sich orthopädisch und krüppel—
fürsorgerisch so geschult, daß bis auf zwei Herren, die ein anderes Fach ergriffen
haben, alle, an zum Teil hervorragender Stelle, in ihrem Sonderfach tätig sind: