Full text : Zwanzig Jahre Krüppelfürsorge im Oscar-Helene-Heim für Heilung und Erziehung gebrechlicher Kinder

zum, Becken gelähmt sind, diese Kinder zur Erwerbsbefähigung zu bringen, wenn
auch häufig viel Zeit und Mühe darauf verwendet werden muß. Zunächst werden
die Zwangsbeugestellungen beseitigt, d. h. das Kind wird wieder in den Zustand
oersetzt, in dem es bei der Lähmung war. Danach werden diese Kinder aufgestellt
in behelfssmäßigen Apparaten, die Muskeln werden aktiv geübt und elektrisiert.
Dann werden die sehr wichtigen Nachtschienen angewendet, und frühestens nach
Jahresfrist entsteht erst die Frage, ob man durch blutige Eingriffe (Versteifung der
Belenke, Sehnen- und Muskelverpflanzung nach der in der Anstalt ausgearbeiteten
physiologischen Methode) die Gebrauchsfähigkeit des Apparates noch weiter
teigern kann. In Apparaten lernen die Kinder, teilweise unter ausgiebiger Be—
nutzung der auf zwei Stöcke gestützten Arme, selbständig gehen und können dann
Schuhmacher und Schneider werden.
Die Krampflähmung in ihrer Halbseitenform, ganz gleichwertig dem
Schlagfluß der Erwachsenen, oder beim Befallen beider Seiten meist angeboren oder
im Geburtsakte erworben, stellt ein schweres Problem dar, wenn die Arme befallen
und die Intelligenz geschädigt ist. Aber auch hier ist es meist möglich, durch ge⸗
eignete Lagerungen in der Nacht und Tagapparate, manchmal auch durch An—
vendung kleiner blutiger Eingriffe, die Kinder zum Gehen zu bringen, wobei die
danduͤbungsklasse und überhaupt die, Schule wesentliche Hilfe leistet..
Die englische Krankheit, in den letzten Jahren des Krieges und in der
Nachkriegszeit ungeheuer verbreitet, hat nachgelassen, seitdem die Ernährungs—
»erhältnisse und die Reinlichkeit sich gebessert haben und der Vater wieder zu Hause
ist, der eher als die allein für die Familie sorgende Mutter imstande ist, Hilfe für
das Kind herbeizuholen. Bestrahlungen mit Höhensonne heilen die Krankheit
während des blühenden Zustandes. Die trotzdem verbreiteten, häufig phantastischen
Verkrümmungen der Knochen werden blutig oder unblutig beseitigt. Wiederum
olgen Tagapparate.
Ein schlimmes Problem stellen die Rückgratsverkrümmungen dar.
Die leichteren Formen behandelt die Poliklinik, die schweren kommen in die Klinik,
vo durch Lagerungen, Massage, Gymnastik, durch geeignete Korsetts und Apparate,
vor allen Dingen aber durch Atemgymnastik sehr viel Gutes geschaffen wird.
Während in den ersten Jahren die Anstalt verhältnismäßig wenig ange—
borene Hüftverrenkungen sah, kommen jetzt solche Kranke in großer
Zahl zu uns. Sie werden, wenn sie unterhalb des 6. Lebensjahres sind, unblutig
eingerenkt und in den entsprechenden Apparaten nachbehandelt, und es kommen
bei einseitiger Verrenkung nahezu 100 Prozent Heilung heraus. Aber auch für die
ältere Hüftverrenkung im 12. —20. Lebensjahre und darüber hinaus gibt es heute
borzügliche Methoden der Knochendurchmeißelung, um den Gang zu verbessern und
die Beschwerden zu beseitigen.

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