Full text : Zwanzig Jahre Krüppelfürsorge im Oscar-Helene-Heim für Heilung und Erziehung gebrechlicher Kinder

Anfang November 1907 siedelte die junge Anstalt in den Urban über und hatte
es so im Verlauf von einem Jahr von 8 auf 103 Betten gebracht. Zu gleicher Zeit
wurde sie vom Minister als milde Stiftung anerkannt. Als am 21. Juli 1908
in größerem Stil die Einweihungsfeier stattfand, geschah dem Verein die dritte
wichtige Förderung, indem der Gatte der Vorsitzenden, Herr Fabrikbesitzer
Oscar Pintsch, unter dem Eindruck der erhebenden Feier und angesichts des in
den Betten ausgebreiteten Elends zum Ausdruck des Dankes dafür, daß Gott ihm
eine gesunde Tochter beschert habe, aus der Entschließung des Augenblicks heraus
Million Mark schenkte. Wer diese Stunde miterleben durfte, wird sie nie ver—
gessen, und Geheimrat Dr. Goens gab die Empfindung aller Teilnehmer wieder,
als er erklärte, er sei noch niemals so von Herzen froh gewesen. Diese Schenkung
wurde in Form einer Oscar Pintsch-Stiftung angelegt, und nur die Zinsen flossen
alljährlich dem Verein zu, während das Kapital in Papieren der preußischen
Ztaatsschuldentilgung angelegt wurde. Diese haben sich in der Inflation zu nichts
verflüchtigt, und so konnte sich die Hochherzigkeit des Stifters, der der Anstalt eine
Sicherung für alle Zeiten geben wollte, nur wenige Jahre auswirken. Damals
aber gab sie uns unser wirtschaftliches Rückgrat und damit die Berechtigung,
ernstlich an ein eigenes Haus zu denken.
Die größeren Verhältnisse brachten naturgemäß größere Arbeit und namentlich
die Kinderkrankheiten eines über Nacht in die Höhe geschossenen Organismus. Die
Schwierigkeiten lagen vor allen Dingen darin, daß es kein rechtes Vorbild gab
und daß Krüppelfürsorge das verwickeltste Arbeitsgebiet der gesamten Wohlfahrts—
pflege ist. Aber nachdem auch für Schule und Verwaltung je ein besonderer dem
Anstaltsdirektor verantwortlicher Inspektor angestellt war, gelang es bald, die

Gesangstunde.