Verhältnisse liegen aber beim Oberarmstumpf vor, denn auch
hier sind die Muskelansätze, mittels welcher der Stumpf nach
allen Seiten hin bewegt werden kann, rund um das Schultergelenk
gruppiert, und es ist nicht im geringsten einzusehen,
weshalb man seine aktiven Kräfte nicht ausnutzen soll. Voraussetzung
ist natürlich, dass der Stumpf richtig, d. h. rechtzeitig
nachbehandelt und dem Schultergelenk seine volle Beweglichkeit
erhalten ist. Auch hier kommen mancherlei Versündigungen
vor. Es ist bekannt, dass gerade das Schultergelenk
bei einfacher Ruhigstellung sehr leicht versteift, um
dann bei Bewegungsversuchen starke Schmerzen hervorzurufen
und mit Ergüssen zu antworten. Der Grund dafür
liegt in den zahlreichen Schleimbeuteln, die unter den Muskelansätzen
um das Gelenk herumgelagert sind und mit ihm
teilweise in unmittelbarer Verbindung stehen. Bei Ruhigstellung
tritt eine Schrumpfung dieser Schleimbeutel ein, und
wenn man mit Bewegungen wieder anfängt, beantworten sie
diese Versuche mit Ergüssen und entzündlichen Erscheinungen,
die schnell auf das Gelenk selber übergreifen. Bekannt
ist auch die ungewöhnlich schnell einsetzende Atrophie
der Muskeln des Schultergelenks, insbesondere des Deltoideus.
Alles dieses kann, wenn man rechtzeitig daran denkt, leicht
vermieden werden, indem der Stumpf noch während der Behandlung
ausgiebig passiv und aktiv (nötigenfalls unter Zuhilfenahme
von Gipsattrappen oder Schedeschen Schienen)
bewegt und das. Gelenk mit den Muskeln massiert wird. Dann
ist es möglich, die aktiven Kräfte und die Beweglichkeit in
vollem Umfange zu erhalten und das bedeutet für den Verstümmelten
ein ausserordentlich grosses Geschenk. Denn
nunmehr kann er seinen Stumpf nach allen Richtungen hin
mit einer solchen Kraft bewegen, dass er damit ein Ansatzstück
für die Arbeit sehr wohl zu regieren imstande ist, zumal
ausserdem mit der Hypertrophie der Muskeln bei genügender
Arbeit gerechnet werden kann. Ich halte es für
selbstverständlich, dass man einen Oberarmstumpf unter
allen Umständen für Bewegung und Arbeit nutzbar macht und
bin sogar der Ansicht, dass unter gewissen Voraussetzungen
selbst ein Exartikulierter mittels Bewegungen des Rumpfes
und des Schulterblattes, an welchem ja das Kunstglied hängt,
seine Kräfte für gewisse Vorrichtungen auszunutzen lernen
kann.
Auch hierfür haben wir eine Prothese gebaut (Abb. 5): An dem
über dem Stumpf gewalkten Lederansatz bewegt sich auf eiserner
Führung ein Eisenring in der Sagittalebene, der an einer in der Frontalebene
schwingenden Gabel den Arm trägt. Der letztere hat in
seinem Ellbogen- und Handgelenk dieselbe Konstruktion wie der ge-