Full text : Ueber Prothesen bei Amputationen des Armes insbesondere des Oberarmes

mit Nieten oder durch eine neue Zelluloid, bzw. Leimszhicht 3 Fisendrähte
 befestigt, die zu einem runden Holzteller laufen, welcher dem
Handgelenksumfang entspricht. Durch diesen treten sie hindurch
und werden dann für die 5 Finger in Schlaufen umgebogen. Ueber
das ganze wird ein Trikoetschlauch gezogen, dieser wird mit Watte
ausgestopft und ebenso wird ein Handschuh, den man an dem Handteller
 befestigt, mit Watte ausgefüllt Nun kann der Arm im Ellendogengelenk
 beliebig gebogen werden, die in den Fingerlingen
steckenden Drahtschlaufen können ebenfalls eingekrallt werden und
dazu dienen, dass man ein Paket, einen Regenschirm, den Degen oder
seine Scheide trägt. Man kann den Daumen in die Tasche des
Jacketts oder Waffenrocks stecken und in jedem Augenblick dieses
einfache Ding sich so zurechtbiegen, wie man es haben will. Es
wiegt nicht mehr als höchstens 1 Pfund, kann mit einer Lederschlaufe
am Hosenträger befestigt werden und stellt für meine Auffassung
zin Ideal dar, das von allen Verstümmelten, denen man es vorschlägt
 oder anfertigt, begeistert aufgenommen wird. Es sei kurz
darauf hingewiesen, dass zweckmässigerweise ein solcher Kunstarm
kürzer ist als der gesunde, weil er dann leichter und unauffälliger
am Körper getragen werden kann, namentlich wenn man die Kunstnand
 ganz oder teilweise in die Seitentasche des Rockes steckt.
Nicht unerwähnt mag bleiben, dass manche Amputierte sich in den
Aermel jedes Rockes eine einfache Atrappe einnähen lassen und das
ıntere Ende in die Tasche stecken.
Fehlt nur die Hand, so reicht der Stumpf aus, um nicht
nur alle Verrichtungen des täglichen Lebens, sondern auch
zahllose, wohl die meisten Arbeiten, selbst schwerster Art,
auszuführen. Ein Geselle meiner orthopädischen Werkstatt,
der bei uns seine Lehrlingszeit durchgemacht hat, betreibt die
Orthopädiemechanik genau so schnell und sorgfältig wie jeder
Gesunde und verdient auch denselben Lohn (Abb. 3). Er
nacht alles mit dem Stumpf; nur zum Schmieden schnallt er
sich an den Stumpf einen Hammer mittels einer ganz einfachen
 Vorrichtung an. Auch wird es möglich sein, dass für
zewisse Arbeiten und Industriezweige besondere Ansatzstücke
notwendig sind; im grossen und ganzen aber wird ein Mann,
der nur eine Hand verloren hat, genau so sich betätigen
können, als wenn er sie noch hätte.
Dieser Standpunkt, dass ich einen Mann mit einer Hand
nahezu als ganz vollsinnig und damit nahezu als voll erwerbsähig
 betrachte, wird manch einen verblüffen. Trotzdem
werden mir alle, die solche Leute bei der Arbeit sehen, recht
geben, dass man diese Forderung aufstellen muss, um den
sentimentalen, sehr ehrenwerten, aber gänzlich veralteten
Grundsatz zu beseitigen, dass ein irgendwie Verstümmelter
nur noch ein Objekt des Mitleids sei. Damit und mit einer
noch so hohen Rente nützt man ihm gar nicht. Der Mann wird
am glücklichsten sein, wenn er wieder arbeiten oder doch sich
in firüherem Umfange betätigen kann.