Full text : Die Fürsorge für unsere heimkehrenden Krieger, insbesondere die Kriegskrüppelfürsorge

gebung damals noch unbekannt war, und hinter dem Mann in
Friedenszeiten kein Anspruch auf eine Entschädigung für einen
Unfall stand. Heute dagegen haben wir eine schier unübersehbare
Zahl von Heilmitteln, um noch nachträglich Besserungen der Bewegungsbeschränkungen
 herbeizuführen, und es mag vielen ein
Trost sein, hierüber wenigstens andeutungsweise etwas zu erfahren.
Die Gehirnchirurgie vermag eine große Anzahl von Lähmungen
dadurch wieder zu beseitigen, daß sie nach der Wundheilung im
Schädel und im Gehirn selber eingreift. Durchschossene Nerven
können noch nach Monaten und Jahren wieder zusammengenäht
oder aus Einschnürungen gelöst werden. Wo das nicht angängig
ist, vermögen wir Verpflanzungen von Teilen gesunder Nerven auf
gelähmte vorzunehmen. Zerrissene Sehnen können wir nachträglich
durch künstliche Sehnen aus Seide ersetzen oder wir können zwischen
die Sehnenstümpfe eine andere Sehne aus dem gleichen Körper
frei hineinbringen oder eine der zahlreichen Sehnenverpflanzungen
vornehmen, die wir täglich bei der Kinderlähmung anwenden. Während
 noch vor 44 Jahren bei einer sehr großen Zahl von Zertrümmerungen
 der Glieder sofort Amputationen vorgenommen werden
mußten, um das Leben des Verwundeten zu retten, gelingt es heute,
umfangreiche Zerstörungen mit KErhaltung des Gliedes zu heilen,
weil wir die Ursachen der Eiterungen genau kennen, und z. B. einer
der Schrecken früherer Kriege, der Hospitalbrand, vollständig geschwunden
 ist. Stellen sich nach solchen großen Verwundungen
Versteifungen der Gelenke ein, so vermögen wir heute blutig diese
Gelenke wieder beweglich zu machen, und wo Verschiebungen bei
schweren Zertrümmerungen der Knochen aufgetreten sind, können
wir nach Abheilung der Eiterung noch eine Geradstellung wieder
vornehmen oder, falls eine falsche Beweglichkeit zurückgeblieben
ist, diese beseitigen und an ihre Stelle eine feste Verknöcherung
setzen. Haben sich Verwachsungen nicht zusammengehöriger Knochenstücke
 gebildet, z. B. zwischen Speiche und Elle, so können wir sie
heute nachträglich lösen und dem Unterarm seine für jede Handbetätigung
 überaus wichtige Drehbewegung wiedergeben.
Daneben sei kurz darauf hingewiesen, daß auch die nicht zum
Bewegungsapparat gehörigen Verwundungen noch nachträglich nachgebessert
 werden können; Lungenabszesse, Darmfisteln, Verletzungen
des Harnapparates und der großen Gefäße (Aneurysma), Narben,
die sich nach Bauchschüssen bilden u. v. a. m. sind noch nach langer
Zeit dem Messer zugänglich, und für viele Jahre hinaus werden in