Full text : Die ethische und wirtschaftliche Bedeutung der Kriegskrüppelfürsorge und ihre Organisation im Zusammenhang mit der gesamten Kriegshilfe

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nicht gut, wenn er in der Zwischenzeit zu lange in der Familie bleibt.
Da wird ihm nämlich eingeredet: Du Unglücklicher, ausgerechnet
Dir muß das passieren!, und da kommt er dann in jene seelische
Stimmung hinein, die wir unter allen Umständen vermeiden wollen.
Wir müssen die Leute in die Heimat bringen und müssen sie durch
das ganze Volk zerstreuen, als wenn nichts gewesen wäre; sie müssen
vollständig und restlos in der Masse des schaffenden Volkes wieder
aufgehen; nur so können wir hoffen, die sozialen Kriegsschäden zu
überwinden. Und wo nun der alte Arbeitsplatz besetzt ist, da muß
man versuchen, den Mann in einem verwandten Berufe unterzubringen.
 Ein Schuhmacher kann Sattler werden, ein Orthopädiemechaniker
 kann Schlosser oder Schmied werden und dergleichen
mehr. v. Beckerath gibt zahlreiche solcher Beispiele.
Man hat im ersten Überschwang der Gefühle eine Masse von
neuen Lehrwerkstätten einrichten wollen, weil man von der Ansicht
 ausging: jeder Mensch, der verkrüppelt wiederkommt, ist für
seinen alten Beruf unter allen Umständen untauglich. Das ist ganz
falsch. Ich habe mir in meinen Lazaretten, die 2835 Betten zählen,
— und zwar sind diese 2835 die schwersten Fälle aus 800 Betten,
die zu unserer Lazarettgruppe von Zehlendorf gehören — die Leute
daraufhin angesehen, wie viele von ihnen den alten Beruf wieder
ergreifen können — selbstverständlich so gemeint, daß sie innerhalb
ihres früher zuständigen Wirkungskreises bleiben, daß also z. B. ein
Landbriefträger, der ein Bein verloren hat, bei der Post bleibt, aber
Innendienst tut — und wie viele umsatteln müssen, und da stellte sich
denn heraus, daß es von den 235 höchstens 10 waren die einen ganz
neuen Beruf ergreifen müßten. Diese Tatsache kann nicht scharf
genug betont werden, und die Laien müssen das schon glauben und
sollen dem Manne eben etwas zumuten; es geht, wenn er will. Ich
gebe zu, daß ich in diesem Punkt wahrscheinlich schärfer bin als
Nichtfachleute der Krüppelfürsorge. Aber schließlich muß ja doch
die Erfahrung, die wir im Frieden erworben haben, ausschlaggebend
sein. Jedenfalls handelt es sich nur um einen kleinen Bruchteil aller
Verwundeten, die wirklich einen neuen Beruf ergreifen müssen,
und diese wird man bei einem verständigen Meister oder Fabrikherrn,
 einem Landwirt oder Gärtner unterbringen und wird diesen
Leuten nötigenfalls eine Prämie zahlen. Es ist also überflüssig, daß
vor der Hand neue Werkstuben errichtet werden. Denn wenn
jemand in eine Anstalt gebracht werden soll, um ein neues Handwerk
zu lernen, so sind ja dafür die vielen Handwerksstuben in den Krüppel-