Full text : Die ethische und wirtschaftliche Bedeutung der Kriegskrüppelfürsorge und ihre Organisation im Zusammenhang mit der gesamten Kriegshilfe

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der erfolgreichsten und tätigsten Führer auf dem Gebiet der sozialen
Wohlfahrt: ‚Wissen Sie, was mir den stärksten Eindruck in jener
Sitzung gemacht und was mich völlig gepackt hat, das war
die geradezu unheimliche Sicherheit, mit der alle Krüppelfürsorgeleute
 und insbesondere die Orthopäden erklärten: Es gibt kein
Krüppeltum mehr. Das ist ja wie eine neue Botschaft‘,
sagte er, „wie eine Kunde aus einer Welt, die wir alle nicht kennen.“
Und damit hat er das Richtige getroffen. Es ist wirklich wie eine
neue Botschaft, und in diesem Sinne, richtig verstanden, daß der
Wille zu höchster Anspannung vorhanden sein muß, gibt es wirklich
kein Krüppeltum mehr.
Nur ist es notwendig, daß diese Anschauung, die ja nahezu
allen vollständig neu und unbekannt ist, in der breitesten und weitgehendsten
 Form verbreitet wird, das heißt auf deutsch, daß man
Aufklärungsarbeit in denkbar größtem Stile leisten‘ muß.
Und zwar muß diese Aufklärungsarbeit einsetzen in dem Augenblick,
wo der Verwundete in ein Lazarett kommt, wo der Mann noch
Irisch ist, wo ihn noch der Schwung erfüllt, mit dem er im Schützengraben
 gekämpft hat, wo er sich noch als Vaterlandsverteidiger,
als ein aufrechter Kerl fühlt, der er auch bleiben möchte. Da müssen
seine Gedanken darauf gerichtet werden, daß er wieder arbeiten
wird und daß er auch Arbeitsgelegenheit finden wird. Damit kann
man gar nicht früh genug anfangen; denn es droht ihm die furchtbare
 Gefahr, daß, wenn seine Seele sich in den Wahn vertieft und
eingebohrt hat, daß er doch nicht wieder arbeiten kann, er dann
der sogenannten Rentenpsychose verfällt. Das ist eine krankhafte
Vorstellung des Verletzten, daß er vor allen Dingen seine Rente
behalten müsse, und wenn er seine Rente behalten muß, dann muß
er auch sein Krüppeltum behalten, und das konserviert er sich nun
auf das zärtlichste; darüber geht Familie, Haus und Hof zugrunde,
ganz gleichgültig, er muß seine Rente behalten, das ist ihm Inhalt
seines Lebens geworden. Die furchtbarsten Verwüstungen, die überhaupt
 in der Seele eines Menschen angerichtet werden können, schafft
diese Rentenpsychose.
Ich möchte hier einschalten, daß dieser „Kampf um die Rente‘‘
nicht etwa ein Charakteristikum der arbeitenden Klassen ist —
Jurchaus nicht. Der Millionär, der bei einem Eisenbahnunfall einen
Nervenchok erlitten hat, kämpft mit derselben Verzweiflung mit
dem Eisenbahnfiskus um eine Abfindung wie der Bahnwärter, dem
Iraußen der kleine Finger abgefahren wurde. Es ist eine rein