Es war klar, daß eine solche Organisation sich ohne weiteres
berufen fühlen mußte, ihre im Frieden gewonnenen Erfahrungen
zur Verfügung zu stellen, und wir waren im Anfang des August
mitten in diesen Überlegungen begriffen, als beim Vorsitzenden
der Deutschen Vereinigung für Krüppelfürsorge, Geheimrat Dietrich,
unter dem 18. August ein Kabinettsschreiben Ihrer Majestät eintraf,
in welchem Ihre Majestät den Wunsch aussprach, daß die deutschen
Krüppelheime ihre Tätigkeit während des Krieges nicht nur nicht
änschränken, sondern sogar erweitern möchten, und zwar nach
zwei Seiten: erstens indem sie Kinder weiter aufnehmen möchten,
namentlich Kinder solcher Mütter, die durch den Unterhalt ihrer
Kinder in der Arbeit behindert würden, und zweitens, indem sie
sich darauf vorbereiten sollten, die orthopädische Nachbehandlung
Schwerverwundeter zu übernehmen und später die Geheilten wieder
in einen Beruf einzuführen, weil die Krüppelanstalten ihrer ganzen
Natur und Erfahrung nach am besten dazu geeignet seien.
Damit war uns Weg und Ziel vorgeschrieben. Mit meiner ersten
Veröffentlichung: ‚Wie helfen wir unseren Kriegskrüppeln ?‘1
wandten wir uns an die deutschen Heime, die 8000 Betten zur
Verfügung stellten. Die Militärverwaltung griff sofort zu, und ich
kann nicht anders, als mit größtem Dank darauf hinweisen, wie
überaus weitschauend und vorsorgend die Militärverwaltung unter
Herrn Generalarzt Paalzow sich bemüht hat. für diese Schwerverwundeten
zu sorgen.
Bald aber stellte sich heraus, daß für diese neue Aufgabe, für
welche die allgemeinen Grundsätze in jener Veröffentlichung umcissen
waren, die Einzelheiten doch nicht so leicht gefunden werden
konnten, mit denen man nun die Arbeit beginnen sollte, und so
machte ich mich im Auftrage der Deutschen Vereinigung auf den
Weg und trat eine zweimalige Rundreise durch ganz Deutschland,
namentlich durch die süddeutschen Bundesstaaten an. Überall
sang ich mein Sprüchlein, dann sprachen wir uns aus; von jedem
Ort ging ich an Kenntnis bereichert weiter; das gab ich an dem
nächsten Ort zum Besten, so daß lawinenartig allmählich die Erkenntnis
dessen, was im einzelnen notwendig sei, anschwoll, und
als ich nach Hause kam, konnte ich in einem Aufsatz: „Praktische
Vorschläge für die Kriegskrüppelfürsorge‘“1 das alles mitteilen,
1 Sonderabdruck aus der Zeitschrift für Krüppelfürsorge. Leipzig, Leopold
Voss, 1915. 30 Pf.