Full text : Zur Organisation der Krüppelfürsorge

J6

Biesalski.

Gepflogenheiten in manchem abweicht. Ich möchte aber ausdrücklich
bemerken, daß, wenn wir es in Berlin anders gemacht haben, dies von
uns nicht als die allein mögliche Lösung der Frage betrachtet wird;
im Gegenteil, wir glauben nur, daß sie die für Berlin beste ist und sind
überzeugt, daß man an anderen Orten und unter anderen Verhältnissen
möglicherweise zu den gleichen Zielen mit anderen Mitteln besser
kommen wird. Jede Landschaft sollte sich nach ihren eigensten Bedürfnissen
 richten, und das Schlagwort in der Krüppelfürsorge sollte
sein „dezentralisieren“. Nur nicht alles über einen Kamm scheren.
Was in der Weltstadt notwendig ist, ist für Ostpreußen vielleicht von
größtem Uebel, und was in Oberbayern das beste ist, ist in Hamburg
vielleicht das schlechteste. Getrennt marschieren, vereint schlagen,
sei die Losung, und das vereinte Schlagen sollte darin bestehen, daß
alle an der Krüppelfürsorge mitwirkenden und berufenen Faktoren sich
gegenseitig verstehen lernen und danach trachten, eine Mittellinie
zu finden, auf welcher der Sache am besten gedient wird.
Bei Gründung unserer Anstalt sind wir ın folgender Weise vorgegangen:
 Ein Verein, welcher die Notwendigkeit einsah, für Groß-Berlin
 eine eigene Anstalt zu schaffen, hat damit angefangen, daß er
in einer Privatwohnung von 5 Zimmern zunächst 10 Betten aufmachte.
Um für den ersten Versuch, falls er mißlingen würde, unnötige Anschaffungskosten
 zu sparen, wurde diese Wohnung in einem Hause gemietet,
in welchem sich meine Privatklinik befand. Schon nach einem Jahre
konnten diese beiden Institute wieder getrennt und damit der aus der
Not geborene provisorische Zustand wieder beseitigt werden. Die
Stadt Berlin räumte der Anstalt in einem ihr gehörigen ehemaligen
Erziehungshause fast zwei Etagen ein und überließ die Räume dem
Verein mietsfirei. Wir haben uns von Anfang an auf.den Standpunkt
gestellt, daß die Krüppelfürsorge nicht nötig hätte, betteln zu gehen,
um sich nur das liebe Leben zu erhalten. Wenn der Etat einer Anstalt
von dem Ertrag einer jedes Jahr neu zu genehmigenden Kollekte abhängig
 ist, so werden damit ihrer Entwicklung arge Hemmschuhe angelegt.
 Dadurch, daß fast die Hälfte der Kinder erwerbsfähig gemacht
wird, werden der Allgemeinheit auf die Dauer so ungeheure Kosten
erspart, daß man von ihr billigerweise die würdige Unterhaltung eines
solchen Institutes verlangen kann. Es ist genügend Wohltat, wenn
ein Verein sich bereit findet, die mit der Organisation und dem Ausbau
 einer derartigen Anstalt verbundene enorme Arbeit zu leisten und
das ganze Risiko auf sich zu nehmen. Wie jeder unverschuldet Elende