Full text : Zur Organisation der Krüppelfürsorge

Zur Organisation der Krüppelfürsorge. 109

Berlin hat 290 000 Volksschulkinder, nicht Groß-Berlin, sondern
nur die Haupt- und Residenzstadt ohne Charlottenburg, Schöneberg,
Rixdorf u. s. w. Darunter sind mindestens 40 000—60 000 Kinder,
welche wegen einer effektiven Skoliose oder Haltungsanomalien, die
zur Skoliose führen, der Behandlung bedürfen. Aber sie werden eben
nicht behandelt, bis auf einige Tausend im höchsten Falle, welche in
den Polikliniken stecken, und dort höchst unregelmäßig zu erscheinen
pflegen.
Die unentgeltliche Behandlung dieser Kinder in besonderen
Zentralen, welche etwa den Krankenhäusern anzuschließen oder in den
einzelnen Schulkreisen gesondert zu errichten wären, hat die Stadt
abgelehnt und zwar mit gutem Recht, denn die Kosten dafür sind so
ungeheure, daß zunächst doch einmal abgewartet werden muß, wie
sich denn die Fachleute zu dieser Frage äußern würden. Es gibt eben
für Berlin in Deutschland kein Vergleichsobjekt, und was in einer Stadt
mit 100000 Einwohnern mit Leichtigkeit möglich ist, ist in Berlin
vielleicht fast unmöglich oder nur mit ganz ungeheuerlichen Kosten
zu erreichen. Da anderseits den Schulärzten die Behandlung verboten
war und ganze Stadtteile mit Hunderttausenden von Einwohnern jeder
Poliklinik entbehrten, auch in den Schulen von einem orthopädischen
Turnunterricht nicht wohl gesprochen werden konnte, so schlug ich
vor, man solle die willigen Eltern versuchsweise mit heranziehen, um
nur zunächst einmal diese ganze Frage in Fluß zu bringen. Ich würde
es für ein Unglück halten, wenn den Orthopäden diese wichtige Angelegenheit
 aus den Händen gewunden würde, im Interesse der Krüppel
und in unserem eigenen Interesse. Pri xipiis obsta! Wie wir verlangen,
daß man uns zur Arbeit in der Krüppelfürsorge in gebührendem Maße:
heranläßt, so müssen wir das für alle orthopädischen Erkrankungen
verlangen. Und ohne mich heute auf positive Vorschläge über die Art
und Weise, wie die Frage der Schulskoliose zu lösen ist, einzulassen,
möchte ich nur erklären, daß zur Behandlung der Schulskoliose überhaupt
 nur der berechtigt sein sollte, der die Orthopädie spezialistisch
betrieben hat und in ihr genügend ausgebildet ist. Das Schulthe ßsche
 Wort bleibt wahr: „Jede Skoliose ist ein neues Problem“; und
Probleme sind nur von Leuten zu lösen, die sich mit der Sache etwas
eingehend beschäftigt haben.
Ich erlaube mir, die unmaßgebliche Bitte auszusprechen, daß
dieses wichtige Thema einmal auf dem Orthopädenkongreß im Hauptreferat
 durchgesprochen wird.