- 129 —
in früherer Zeit ihren Pfleglingen keine ausreichende ärztliche Versorgung
geboten hätten. Eine solche Behauptung kann niemals
von einem wirklichen Kenner der geschichtlichen Entwicklung aufgestellt
werden, einfach weil sie den historischen Tatsachen widerspräche.
Noch vor wenigen Tagen hat eine von ärztlicher Seite erschienene
Arbeit es so dargestellt, als ob die Krüppelfürsorge vor
20 Jahren nur in Siechenpflege bestanden hätte. Es liegt mir daran,
hier kategorisch festzustellen, daß das nicht zutrifft; die Krüppelanstalten
haben ihren Pfleglingen stets so viel ärztliche Hilfe geboten,
als zur gegebenen Zeit zu haben war: Ultra posse nemo obligatur,
als es noch keine Orthopädie gab, konnte man keine orthopädischen
Kuren machen, Als aber die Orthopädie sich ausbreitete, haben
sie ihr bereitwillig ihre Tore weit geöffnet, und ich weiß aus eigenen
Ratschlägen, um die ich angegangen worden bin, welche enormen
Mittel für moderne Operationseinrichtungen bereitgestellt worden
sind. Also fort mit den Mißverständnissen! Lassen Sie uns zu er-{olgreicher
Arbeit die Hände recht fest ineinander legen!
Ganz unzweifelhaft gehört die neue Epoche der Krüppelheilung
zum Besten, was uns das letzte Jahrzehnt gebracht hat. Was früher
als unheilbar galt, ist heute besserungsfähig; was ehemals kaum
gebessert werden konnte, vermögen wir heute zu heilen. Jeder von
uns hat mit Erstaunen diese verblüffenden Fortschritte der letzten
10 Jahre freudig mit angesehen. Was darüber im einzelnen gesagt
werden kann, werden wir ja nachher noch in einem besonderen Vorirag
aus berufenstem Munde hören.
Und nun zur Krüppelschule! Auch hier eine glänzende Vorwärtsentwicklung.
Während noch 1908 nur 49 geprüfte Lehrkräfte
im Hauptamt tätig waren, sind es heute deren 96, und dauernd
sinkt die Zahl der nebenamtlichen oder laienhaften Lehrer, gewiß
ein erfreuliches Zeichen für die Bemühung, die Arbeit an den Krüppeln
and damit die Erfolge immer weiter zu vertiefen. Ebenso ist die
Fürsorge für die Abnormen erweitert worden, die Zahl der Hilfsklassen
ist von 4 in 1908 auf 18 gestiegen. Wir haben heute
an 37 Anstalten, die Unterricht erteilen, 64 Vollklassen, 16 mal Fortbildungsunterricht,
12mal Fröbelbeschäftigung,
Und ebenso steigert sich fortwährend die Mannigfaltigkeit der
Handwerkslehre. Die Tabelle auf der vorjährigen Dresdner Ausstellung
zählte 75 Hand werksmöglichkeiten auf, die in deutschen
Krüppelheimen gelehrt werden; in diesem Jahre werden bereits
81 genannt, eine Zahl, welche besagt, daß wohl für jede Form der