Was ist ein Krüppel?
Von Dr. BıssAanLsxr-Berlin.
(Ein Teil des auf dem Orthopädenkongreß 1908 erstatteten Referates,
s. Kongreßberichte S. 49.)
„Krüppel“ ist keine Diagnose; es ist ein ärztlicher Begriff,
welchem ohne weiteres das Ärztliche und das Wesen der Hilfsoedürftigkeit
anhaftet. Das geht aus der Geschichte hervor und aus
lem Gefühl, das man ohne weiteres hat, wenn man das Wort
„Krüppel“ im Geiste abwägt. Krüppel in unserm Sinne ist unter
allen Umständen nur ein Krüppel, welcher heimbedürftig ist. Alle
übrigen müssen wir hinaus lassen, und das ist dringend notwendig,
weil die ganze Bewegung der Krüppelfürsorge sonst uferlos wird.
Sie ließe sonst ihre Fürsorge solchen Kindern angedeihen, die nach
der sozialen Lage der Eltern deren gar nicht bedürfen und würde
dadurch der öffentlichen Armenpflege Lasten auferlegen, welche
diese zu tragen weder nötig noch ein Interesse hat. Es sind auch
Stimmen laut geworden unter den Orthopäden und Chirurgen, welche
lie Befürchtung erkennen ließen, die Krüppelfürsorge würde ihnen
Kranke entziehen. Davon kann natürlich gar nicht die Rede sein.
Erstlich soll das gar nicht geschehen, und zweitens ist es auch
darum schon unmöglich, weil die Zahl der Krüppel an sich so
kolossal hoch ist, daß, so lange wir leben werden, eine ausreichende
Krüppelfürsorge gar nicht geschaffen werden kann. Im Gegenteil,
diejenigen, welche befürchten, daß die Krüppelfürsorge ihnen Material
wegnimmt, sind uns zum größten Dank verpflichtet, denn, indem wir
das Publikum und die Behörden darüber aufklären, in welch einem
hohen Maße heutzutage Krüppelgebrechen geheilt werden können,
erschließen wir ja eine unendliche Fülle orthopädischer Krankheiten
der Behandlung, welche ohne unsere Aufklärungsarbeit einfach
unbehandelt bleiben würde. Ich erinnere allein an das ungeheuerliche
in den Volksschulen steckende Material an Skoliotikern.
Also es darf jeder versichert sein, daß wir Krüppelfürsorgeleute alles
andere wollen, als alle orthopädisch Kranken für uns einheimsen.
Auf der anderen Seite aber liegt es im öffentlichen Interesse, daß
die Folgen des Krüppelgebrechens für das Individuum wie für die
Allgemeinheit auf das geringste mögliche Maß reduziert werden.
Wie jede soziale Arbeit ist die Krüppelfürsorge der
Dienst am Individuum, gesehen durch das Interesse der
Allgemeinheit. Denn ihr letzter Zweck ist ebensosehr, die Person