Full text : Was ist ein Krüppel?

_ 14 —

sinns und seiner Schwerhörigkeit zu einem Grade der allgemeinen
Schulbildung gebracht werden, welchen es in seiner Umgebung niemals
 erreichen würde. Wissen ist Geld und Macht. Und wer hat
den Vorteil davon? In erster Linie das Kind, in zweiter und ebenso
intensiver Weise die Allgemeinheit.
Ein anderes Beispiel: Ein Kind stammt aus zwar ärmlichen
aber geordneten Verhältnissen, in denen es, falls es nicht krank geworden
 wäre, die Volksschule bis zu Kinde besucht und sich dann
einem Handwerk zugewandt hätte. Jetzt hat es das Unglück, eine
Hüftgelenkentzündung zu bekommen, zu deren Ausheilung es 4 bis
5 Jahre lang in einem Krankenhaus bleiben muß. Wenn es nun
geheilt ist, ist es erstlich mal durch die Versteifung seiner Hüfte
weit weniger erwerbsfähig, wie seine gesunden Altersgenossen, und
dieses an sich unverschuldete Unglück wird in seiner Wirkung für
das Kind dadurch erheblich gesteigert, daß das Kind ebenfalls unverschuldet
 bei seiner Konfirmation außerdem noch um 4-—B5 Schulklassen
 dümmer ist, als seine Altersgenossen. Hat das Kind dagegen
seine Krankheit in einem Krüppelheim zugebracht, in welchem es
während der Behandlung unterrichtet wurde, so hat es zur Zeit der
Konfirmation wenigstens dieselbe Schulbildung, wie seine gesunden
Altersgenossen, was bei einem kranken Körper naturgemäß noch
viel mehr bedeutet, wie bei einem gesunden.
Ein 3. Beispiel. Ein Kind hat eine vollständige Lähmung des
linken Beines und eine lähmungsartige Schwäche der linken Hand
erlitten. Über den Versuchen, dieses auf innerem Wege oder durch
chirurgische Maßnahmen zu heilen, sind mehrere Jahre ins Land
gegangen, während deren das Kind ohne Schulbildung geblieben
ist. Jetzt ist der Knabe 12 Jahre alt und hat die Schulbildung
eines 7 jährigen Kindes. Er muß unbedingt so weit gebracht werden,
daß er mit dem 15. Lebensjahre konfirmiert wird und in eine Lehre
eintreten kann. Kommt er in ein Krüppelheim, so kann er vormittags
 die Schule besuchen und seine elementaren Kenntnisse erzänzen,
 nachmittags aber in der Schuhmacherwerkstatt beschäftigt
werden, so daß er, wenn er nach der Konfirmation das Schuhmacherhandwerk
 erlernen will, nicht nur eine größere Schulbildung besitzt,
sondern auch in dem Handwerk schon so viele Vorkenntnisse hat,
daß er trotz seines Gebrechens zur selben Zeit die Gesellenprüfung
zu bestehen vermag, wie seine gesunden Altersgenossen,.
Solche Beispiele gibt es unzählige. Siesagen demjenigen, welcher
in der praktischen Krüppelfürsorge steht, gar nichts Neues; aber dem-