Möglichkeit der
sammennähen oder dem gelähmten Glied eine Stütze geben,
bis die glücklicherweise sehr häufige Selbstheilung eintritt.
Auch wird ein gesunder Nerv aus der Nachbarschaft auf den
gelähmten gepfropft und auf diesem Umwege die Willens—
ströme in das gelähmte Glied gelenkt. Sind Gelenke in—
folge Durchschießung oder Eiterung versteift, so werden die
verwachsenen Knochen wieder voneinander gelöst und die
Wiederverwachsung dadurch gehindert, daß Weichteile da—
zwischen gelagert werden. Auf diese Weise bekommt das
Gelenk seine Beweglichkeit wieder. Selbst Gehirnope⸗—
rationen sollen in einzelnen Fällen möglich sein, so daß
durch Entfernung von Knochen- oder Geschoßsplittern oder
Entleerung einer Eiterung schwere Lähmungen geheilt werden
können. Mit Hilfe der Röntgenbehandlung ist es gelungen,
vollständig zersplitterte Knochen wiederherzustellen, wobei die
Knochenscherben die Grundlage bildeten für die Neubildung
des Knochens.
Nehmen wir hierzu die Fortschritte, die auch die Medico—
mechanik und Orthopädie aufzuweisen haben, die verbesserten
künstlichen Gliedmaßen und die Hilfsmittel für die Ver—
wendung verstümmelter Gliedmaßen zum praktischen Ge—
brauch bei der Erwerbstätigkeit, so können wir gerne glauben,
daß es möglich sein wird, die große Mehrzahl der Kriegs—
verstümmelten dem Erwerbsleben wieder zuzuführen. Jedem
einzelnen von ihnen darin nach Kräften behilflich zu sein, ist
eine der großen Aufgaben, die die Kriegsinvalidenfürsorge
zu erfüllen hat.
Der Gedanke, daß man dem Kriegskrüppel keine Ar—
beit mehr zumuten dürfe, sondern daß der Staat, für
den er sich hat krummschießen lassen, ganz für ihn zu sorgen
habe, muß von der Hand gewiesen werden. Und zwar im
Interesse des Krüppels selbst. Natürlich soll der Staat für
ihn sorgen, aber nicht ihn zur dauernden Untätigkeit ver—
dammen. Denn das wäre nicht eine Fürsorge, sondern eine
Strafe. Erst die Arbeit gibt dem Leben des Menschen einen
Inhalt, läßt ihm das Dasein wertvoll erscheinen. Wenn das
schon für den gesunden Menschen gilt, in wieviel höherem
Maße erst für den Krüppel, der durch sein dauerndes Leiden,
durch sein Krüppeltum so leicht niedergedrückt und aller
Lebensfreude beraubt wird. Es wäre daher geradezu un—
menschlich gehandelt, wollte man die Kriegsverstümmelten von
der Arbeit fernhalten. Zugleich wäre es auch unsozial, der
— eine so große Zahl von Arbeitskräften zu ent—
ziehen.
20