Full text : Leitfaden der Krüppelfürsorge

tu

sonst in der Pädagogik angewandt wird, besonders in Amerika strichweise
 verbreitet ist. Was sich auch dagegen für die Normalschule sagen
lassen mag, für eine Anstalt und namentlich ein Krüppelheim hat sie
mancherlei Gutes, Das die heranreifenden Geschlechter zueinander ziehende
Moment wird dann am ungefährlichsten, wenn am wenigsten darauf aufmerksam
 gemacht wird. In der Berliner Anstalt schlafen nur die Erwachsenen
 in getrennten Sälen, die Kinder bis zu etwa 10 Jahren schlafen
gemeinsam, wie auch Geschwister das tun. Die Mahlzeiten, die Spiele, der
gesamte Unterricht in der Schule findet vollständig ohne Sonderung der
Geschlechter statt, und es hat sich bisher noch niemals der geringste Mißstand
 herausgestellt, im Gegenteil, im dauernden Umgang mit den Mädchen
werden die wilden Knaben zahmer und gesitteter; der Ton ist im ganzen
ein sanfterer. Gewiß kann auch mal etwas passieren, keinesfalls öfter und
schlimmer, als bei der ängstlichen Sonderung der Geschlechter, bei der
bekanntlich auch die höchsten Mauern und verschlossensten Türen nicht
alles verhindern. Dafür haben aber die Kinder, die ja durch ihr Gebrechen
 so schon an tausend Freuden verhindert und eingeengt sind, eine
so volle Freiheit als eben möglich ist und mit ihr steht ein letzter
und nicht hoch genug einzuschätzender Gedanke in Verbindung, welcher
die Krüppelerziehung leiten sollte, nämlich der, daß man sie nicht als
Unglückliche anspricht, welche ihr Los mit Ergebung tragen müßten,
sondern, daß man in ihnen so viel Frohsinn und Lebensfreudigkeit zu
wecken versucht, als ihr an sich trauriges Los möglich macht. Das Kind,
das von Geburt an aus dem Bett noch nicht herausgekommen ist, weiß
gar nicht, was ihm fehlt, wenn seine beiden Beine gelähmt sind. Sagt man
ihm, daß der kleine Schaden schon wieder gut werden wird, und daß es,
wenn es erst durch ärztliche Kunst auf die Beine gestellt ist, sich nach
Herzenslust bewegen soll, weil es ja ebenso gut -Jaufen könne, wie alle
andern in demselben Hause, so schenkt man ihm damit einen ganzen
Himmel voll Seligkeit. Besucher der Krüppelheime erwarten dort Trauer,
Grauen und Jammer zu finden und sind meistens aufs höchste überrascht,
wenn ihnen lärmender Frohsinn, Lachen und all der Jubel der Jugend
entgegenklingt, wie ihn auch die gesunden Kinder nur haben. Das ist
ein Vorteil der Anstalten, welchen die Häuslichkeit keinem Kinde gewähren
kann, auch nicht die des reichsten Mannes, ja diese vielleicht am wenigsten.
In Schule und Haus ist der einzelne, Krüppel unter Knaben stets ein
Gegenstand des Bedauerns, der Verzärtelung, des Verzuges und muß
mit unabweisbarer Folgerichtigkeit dem schlimmen Egoismus, der Verbitterung
 und allen Ungezogenheiten des Einzelkindes anheimfallen, besonders
 dann, wenn zu allem übrigen noch böswilliger Spott kränkend
hinzutritt, wie ihn die gesunde Jugend mit indianischer Grausamkeit