Full text : Rechenschafts-Bericht über die Berlin-Brandenburgische Krüppel-Heil- und Erziehungsanstalt, Berlin, 4.1910/12 (4.1910/12)

zu sehen, St. Peter mit der Mondlaterne und dem kecken kleinen Abendstern, das Christkind
 und viel Engelein mit goldenen Flügeln. Dann beginnt die Bescherung, und da ist
der Jubel genau so groß wie bei allen anderen Kindern. Der kleine Stelzfuß humpelt verznügt
 seiner Eisenbahn voran, das Mädchen mit dem lahmen Arm kost seine Puppe, und
der Junge mit dem verbundenen Kopf stößt so kräftig in seine Trompete, als wollte er die
Mauern von Jericho umblasen. Selbst der beinlose Jüngling im Fahrstuhl blättert mit
Vergnügen in dem Buch, das er sich gewünscht und mustert mit heimlicher Freude die
neue Mütze und die warmen Handschuh, die er tragen wird, wenn er in seinem Wagen,
den er geschickt selber zu lenken weiß, ausfährt.
Eine starke Woge von Menschenliebe schlägt über das Heim zusammen, wo die
verkrüppelten Kinder, sonst oft mißhandelt und herumgestoßen, am Wege bettelnd oder
in Winkeln verkommend, eine Heimat gefunden haben und eine Stätte der Erziehung zu
froher Arbeitstüchtigkeit. Die Aerzte, die Schwestern, die Vorstandsdamen und Erzieher,
sie fühlen sich als Träger jener höchsten Menschlichkeit, deren Ziel es ist, ein hartes
Schicksal zu lindern und in das ärmste Leben Freude zu tragen. A. P.
Außer diesen geselligen Veranstaltungen und Festen in der Anstalt genossen die
Zöglinge die reiche Anregung, welche Ausflüge, Theaterbesuche, der Besuch des Zoologischen
 Gartens ın sich tragen. Im Jahre 1911 machten wir einen großen Sommerausflug
nach Alt Tornow bei Potsdam, in diesem Jahre nach Rauchfangswerder. Wir besuchten
die Hussitenspiele in Bernau, für welche uns die Spielleitung in entgegenkommendster
 Weise Freikarten gewährte. Herr Stadtschulrat Dr. Fischer stellte unsern
Zöglingen für die Aufführung von „Wilhelm Tell‘ für Volksschulkinder
Freikarten zur Verfügung. Zu großem Dank verpflichtet sind wir dem Besitzer der
„Neuen Welt“, Herrn Schulz, für die freundliche Bewirtung anläßlich einer Besichtigung
der Raubtierfütterung und des sehr interessanten Negerdorfes in seinem großen Garten-Restaurant
 in der Hasenheide. Ein besonderes Ereignis für die Kinder und Zöglinge
war der Besuch des Zirkus Sarrasani. Wie wir diese Veranstaltungen und
Ausflüge auch pädagogisch verwerten, zeigt der folgende mit Illustrationen versehene
Schüleraufsatz.

„Das war ein Jubel im Krüppelheim, als Herr Inspektor Würtz uns an Kaisers
Geburtstag ankündigte: „Wir gehen in den Zirkus,.‘“ Und am 24, Februar standen
wir schon lange vorher an den Fenstern und paßten auf, ob die Wagen nicht bald
kommen würden. Alle, die sich nur irgendwie fortbewegen konnten, kamen mit.
Unten warteten 2 Kremser auf uns, die nicht gehen konnten, wurden hineingehoben,
die andern stiegen auf, und trotz des Regens war die Fahrt köstlich. Vor dem
Zirkus standen rotgekleidete Diener, die Musik spielte und wir waren sehr neugierig,
 was wir alles zu sehen .bekommen würden. Da klingelte*es und herein
stürmten sehr schöne Pferde, die uns ihre Kunststücke zeigten. Dann salcn wir
Kamele und Elefanten. Sie gingen im Laufschritt, tanzten und legten sich hin und
standen wieder auf. Wir wunderten uns sehr, wie so große und schwere Tiere
wie die Elefanten so geschickt auf Flaschen zu gehen verstanden. Und wunderhübsch
sahen auch die gestreiften Zebra aus. Nachher traten Araber auf, Sie erstürmten
sehr geschwind eine Mauer und kletterten darüber hinweg. Es sah so gut aus, wie
geschickt diese geschmeidigen Menschen springen und laufen konnten. Sehr schön
ritten auch die Kunstreiter. Auch Damen saßen zu Pferde, sprangen über Stöcke durch
die Luft wieder auf den Rücken des immer weiter laufenden Tieres. Sehr viel
Spaß machten aber die Clowns, die immer dabei waren und so lustig aussehen (ich
zlaube aber nicht, daß ihnen wirklich immer so froh zu Mute ist, wie es scheint).
Sie führten die dressierten Gänse vor. Der eine Clown sagte. das wäre ein
Mädchenpensionat, und nun sollten sie ihre Künste zeigen. Aber sie hatten nichts
relernt und machten es immer falsch. Anstatt über den Stock zu springen, liefen